Prolog - Eine verwelkende Welt
(First Draft!)
Silvio setzte einen Fuß vor dem anderen in einem Hitzemeer, ohne Horizont. Der Funken Hoffnung in der Ferne, der ihn einst angetrieben hatte, war schon längst verblasst. Am Zenit glühte die Sonne, deren Strahlen auf die Erde niederprasselten. Die Hitze hatte dem Boden jegliche Feuchtigkeit entrissen, bis die versteinerte Oberfläche aufgeplatzt war. Spalte und Risse durchzogen das Erdreich und wirkten wie Münder, die nach Wasser gierten. Selbst die Luft zitterte und trübte die Augen von Silvio. Der Wind peitschte, löste feinen Staub vom Boden und wirbelte ihn in die von roten Adern durchzogene Netzhaut des Jungen. Die Sonne transformierte seine Haut in einen Panzer, der der Erdoberfläche glich. Schon bei der kleinsten Bewegung setzten sich seine Nerven in Brand. Dieser Panzer trug dieselbe Farbe wie das Blut, das aus seiner aufgeplatzten Lippe quoll. Wie ein Mäander wandte sich ein Bluttropfen durch die Furchen seiner Haut und tropfte von seinem Kinn. Mit einem Zischen verdampfte die Flüssigkeit am Boden. Statt Speichel füllte Staub seinen Mund und seine Zunge war am Gaumen festgewachsen. Ein metallisches Aroma war das einzige, dass seine tauben Geschmacksknospen seit Tagen zu fühlen bekommen hatten. Nur das Heulen des Windes und das Knacken der Erdkruste unter seinen Füßen versetzte sein Trommelfell in Schwingung. Der Durst hatte jedem aus der Gruppe seine Stimme geraubt. Silvio’s Haut konnte nichts mehr fühlen, nur dank der brennenden Muskeln und stechenden Gelenke erkannte er, dass er noch lebte. Er war nur mehr eine wandelnde Hülle, dessen Ziel unerreichbar schien und dessen Verstand von der Eintönigkeit unterdrückt wurde. Manchmal schafften seine Gedanken es, die Last des Nichts von sich zu stemmen und für wenige Augenblicke frei in der Welt herumzustreifen. Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?
Seine Mutter Eva trug seine Hand, mit der ihrer. Er spürte, wie sich ein Schweißtropfen durch eine verstopfte Pore seiner Hand quetschte. Sein Gedächtnis war so ausgetrocknet, wie er selbst. Er blickte seinem Vater Oliver ins Gesicht, doch erkannte ihn nicht wieder. Das Gesicht eines Fremden starrte ihn an. Silvio wandte den Blick ab und entdeckte Schemen in der Ferne. Wasser schimmerte im Sonnenlicht. Palmen beugten sich dem Wind. Vögel zwitscherten.
„Silvio“, hauchte eine Böe.
Die Oase flüsterte zu ihm. „Ich warte auf dich!“
Sie schrie ihn an. „Komm zu mir!“
Jedes Wort prallte an seinem Panzer ab, denn jemanden ohne Hoffnung, kann man nicht täuschen. Nach einem blinzeln, war das Paradies verschwunden. Ein Tag folgte dem nächsten, ohne, dass Silvio es bemerkte. Egal wie weit sie marschierten, sie kamen ihrem Ziel nicht näher. Mit jedem Schritt nach vorn machte er einen zurück. Ein Wimpernschlag, eine Stunde, ein Tag, es war alles dasselbe. Plötzlich erspähte Silvio etwas Neues. Er riss seine Augen weit auf, um es zu betrachten. Unter dem Sand, der den Boden bedeckte, strahlte eine Farbe hervor - Anthrazit.
Olivers Stimme krächzte. „Eine… eine Straße. Wir sind bald da!“
Evas Mundwinkel zuckten, aber sie brachte kein Lächeln zustande. Sie folgten dem Schwarz und plötzlich kamen sie voran. Unterwegs kamen sie an einem Schild vorbei. Die Blechplatte hing schräg auf den verrosteten Stahlsäulen. Die Farbe, die einst darauf prangte, war verblast und von Staub bedeckt. Der blaue Hintergrund und die gelbe Schrift waren erkennbar aber der Text konnte nur schwer entziffert werden. Oliver wischte mit seinem Ärmel den Dreck von der Tafel und las vor. „Dobrodošli v Sloveniji.“
„Willkommen in Slowenien“, sagte Eva.
Das am Horizont auftauchenden Gebäude erfreute Silvio’s Augen. Sie hätten zu weinen begonnen, wären sie nicht völlig ausgetrocknet gewesen. Mit jedem Schritt begann sein Herz höherzuschlagen und das langersehnte Ziel wurde immer greifbarer. Anfangs war das Gebäude nur ein kleiner Punkt aber mit der Zeit wuchs es immer weiter an, bis es endlich über ihnen ragte. Als das Gebäude in Reichweite war, streckte Silvio seine zittrige Hand aus und legte sie auf die Wand. Der weiße, bröcklige Putz war heiß und blendete ihn, aber dennoch genoss er den Moment der Abwechslung. Im Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr, die er sofort mit seinem Blick verfolgte. Über der Straße schlug die Luft Wellen und verzerrte die Gestalt eines Menschen. Schüchtern wagten es weitere Gesichter aus ihren Verstecken und beäugten die Neuankömmlinge. Eine Frau spähte zwischen Fensterläden hindurch. Zwei Kinder versteckten sich hinter einer umgefallenen Mülltonne. Mitten auf der Straße stand ein Mann, in dessen Hand eine Klinge schimmerte.
„Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?“
„Wir sind nur auf der Durchreise.“ Olivers Worte waren nur ein Wind hauch.
„Wo wollt ihr hin?“
Oliver packte seinen Hals mit seiner Hand und räusperte sich, bis sich ein leises Krächzten aus seiner Kehle löste.
Evas Stimme hatte mehr Kraft. „Zur Mauer.“
„Was wollt ihr dort?“
„Wir wollen einfach nur überleben. Und wo wir herkommen, ist das nicht mehr möglich.“
Die Frau streckte ihren Kopf aus dem Fenster. „Kommt rein, wenn ihr wollt.“
„Aber wir können nicht einmal uns selbst versorgen. Wir können sie nicht aufnehmen“, sagte der bewaffnete Mann.
„Gier und Egoismus haben unsere Siedlung zerstört. Ich will nicht so sein. Ich kann einfach nicht.“
Ihr Mann senkte seinen Kopf und steckte sein Messer weg.
„Tretet ein aber erwartet nicht zu viel, denn wir haben nichts.“
„Wir wollen auch nicht viel, nur etwas zu trinken und ein wenig Rast, bevor wir weiterziehen.“
Die Kinder hinter der Mülltonne beobachteten, wie Silvio die Wand streichelte. Sie kicherten. Beschämt zog er seine Hand weg und eilte zu seinen Eltern. Die Scharniere kreischten, als die schief hängende Tür geöffnet wurde. Silvio trat durch den Türrahmen. Als der Schatten ihn umarmte, seufzte er zufrieden und schloss für einen Moment seine Augen. Er schlug seine Lider wieder auf und sah sich um. Seine Augen sogen jede Form und jede Farbe auf, als bestünden sie aus dem kostbaren Nass, nachdem er sich schon so lange sehnte.
Die heimische Frau reichte Oliver eine Flasche. „Hier, nehmt das.“
Oliver nahm die Wasserflasche entgegen und seine Pupillen weiteten sich. Eva riss ihm die Flasche aus der Hand und reichte sie an Silvio weiter.
„Er muss zuerst trinken. Er muss überleben. Deshalb sind wir hier.“
Der Kunststoff knarrte, als er die Flasche packte. Vorsichtig führte er die Öffnung zu seinem Mund. Seine Hände zitterten. Als der erste Tropfen seine Zunge berührte, wurde sein Körper erneut mit Leben erfüllt aber mit dem Leben kam auch die Gier. Er spülte das Wasser seine Kehle herunter. Die Flüssigkeit rann über seine Mundwinkel. Seine Zunge löste sich vom Gaumen, seine Stimme kehrte zu ihm zurück und mit ihr die Hoffnung.
„Nicht so viel!“, schrie Eva.
Sie packte die Flasche und zerrte daran. Silvio klammerte sich an der Flasche fest. Seine Mutter entriss sie ihm mit Gewalt, wobei etwas Wasser überschwappte und zwischen den Furchen im Boden versickerte. Mit Schwung warf sich der Junge auf den Boden und leckte die Reste auf. Ein Holzsplitter verfing sich in seiner Zunge, aber er machte weiter. Die Begierde nach Wasser überschattete jedes andere Gefühl. Das Wasser war verloren. Nur Dreck blieb an seiner Zunge haften. Seine Eltern ließen noch einen Schluck für ihn übrig, nachdem sie sich selbst versorgt hatten. Der letzte Tropfen löste sich vom Flaschenrand und landete auf seiner zersprungenen Lippe. Er ließ sich auf den Boden sinken und lehnte sich an der Mauer an. Die Erwachsenen versammelten sich um einen Tisch.
Der Gastgeber wandte sich zu seiner Frau. „Wir haben unsere Lebensgrundlage an Leichen vergeudet. Bist du jetzt zufrieden?“
„Wieso Leichen?“
„Ich weiß doch ganz genau was sie vorhaben. Sie wollen über die Mauer! Sie glauben sie können es schaffen und in einem Paradies leben! Aber ich sage euch eines: Niemand hat es jemals über die Mauer geschafft! Alle Geschichten darüber sind erfunden! Nichts als Märchen!“
„Reg dich nicht so auf!“. Die Frau wies ihren Mann zurecht und wandte sich zu ihren Gästen. „Stimmt das? Wollt ihr wirklich über die Mauer?“
Dank des Wassers hatte Oliver wieder seine Stimme gefunden. „Wir haben keine andere Wahl. Unser Sohn… er hat hier draußen keine Zukunft. Wenn wir eines Tages nicht mehr am Leben sind, dann ist er ganz allein. Und allein überlebt hier niemand.“
„Das ist genau der Grund, warum wir untergehen!“, sagte der Gastgeber, wobei er wild gestikulierte. „Wir Menschen klammern uns lieber an unerreichbaren Hoffnungen fest, anstatt die Wahrheit anzuerkennen und das Beste daraus zu machen.“
„Nein!“, sagte seine Frau. „Hoffnung ist das was uns antreibt. Gier und Egoismus haben uns in den Abgrund getrieben!“
„Schau dich doch einmal um! Dann siehst du wo uns deine Hoffnung hingebracht hat! Unser Anführer hatte die Hoffnung, dass wir überleben können, wenn wir gegen die benachbarte Siedlung kämpfen. Und was ist jetzt? Ha? Alle tot! Und die Überlebenden sind mit allem wertvollem geflohen. Verderben hat und die Hoffnung gebracht. Verderben!“
„Je weniger wir streiten, umso mehr Kraft bleibt uns zum Überleben“, sagte Oliver.
Die Gastgeber verstummten und verfielen ins Grübeln. Silvio wurde wieder stärker. Sein zittern hörte auf, das Gefühl in seinen Beinen kam zurück. Ungeduldig zerrte er an seinen Schuhen. Die Sohlen hingen nur mehr an wenigen Fäden und waren von einer Sandschicht überzogen. Nachdem er sich endlich befreit hatte, zog er seine Socken aus und klopfte den Sand raus. Der Dreck erfüllte die Luft, reizte seine Nase und zwang, ihm zu niesen. Eine kleine rote Ameise fiel in sein Blickfeld. Ohne zu zögern, stürzte er sich auf sie, zerquetschte sie mit einem Finger und verspeiste sie. Sein Hunger war geweckt. Sein Magen knurrte und schmerzte. Er suchte zwischen Nischen und Spalten nach weiteren Krabbeltieren, doch nur Erde und Staub gaben sich ihm preis.
Eva brach das Schweigen, während sie Sand aus ihren verfilzten Haaren strich. „Es ist möglich die Mauer zu überwinden. Mein Bruder hat es geschafft.“
Plötzlich knallte eine Windböe einen Fensterbalken zu. Aufgewirbelte Erde prasselte gegen die Scheiben.
„Wir lebten in einem kleinen Dorf“, sagte Eva. „Es wurde von Jahr zu Jahr schwieriger zu überleben. Im trockenen Boden wuchsen kaum Pflanzen und wenn einmal ein paar Sprossen aufblühten, dann kam der Platzregen gemeinsam mit stürmenden Winden und vernichtete wieder alles. Das Wasser versickerte nicht und überschwemmte die Häuser. Und dann konnten wir es nicht einmal trinken, da es völlig verschmutzt war.“
„Das ist hier nicht anders“, sagte der Gastgeber. „Worauf willst du hinaus?“
„Wir mussten einsehen, dass wir unsere Heimat verlassen müssen. Mein Bruder brach auf, um eine Bleibe für uns zu suchen. Ungefähr ein Jahr später erreichte uns eine Nachricht über ein uraltes Radio, dass mein Vater repariert hatte. Ich kann seine Worte immer noch hören. Ich habe es geschafft! Ich bin hinter der Mauer und habe mir dort ein neues Leben aufgebaut! Kommt so schnell wie möglich! Einen Tag später brachen wir auf.“
Der Gastgeber schrie auf. „Ihr habt Strom bei euch zu Hause?“
„Ja, alles dank meines Vaters und seiner Vorfahren. In unserer Familie wurde das Wissen weitergegeben und so konnten wir einige Maschinen erhalten. Mein Großvater konnte sogar lesen.“
„Wir lebten in der Nähe einer verlassenen Kohlemine, damit trieben wir einen Generator an“, sagte Oliver.
„Unglaublich, dass ihr so etwas zurücklassen konntet.“
„Die Maschinen waren viel zu schwer, um sie mitzunehmen und dort bleiben konnten wir auch nicht“, sagte Eva.
Der Gastgeber stützte seinen Kopf auf seine Fäuste und starrte in die Luft. „Ich kenne solche Geräte nur aus Geschichten. Als Kind träumte ich immer davon selbst welche zu bauen… ich war so naiv.“
Von draußen ertönte das Lachen von Kindern, das vom Pfeifen des Windes verzerrt wurde.
„Hat dein Bruder euch auch erzählt, wie ihr über die Mauer kommt?“, fragte die Frau.
„Ja, es gibt eine Gruppe von Leuten, die in der Stadt lebt und Menschen von außerhalb hineinhilft. Sie nennen sich die Ratten.“
Der Mann kratzte seinen Bart. „Warum sollten sie das tun? Ihr habt ihnen nichts zu bieten.“
„Da liegst du falsch.“
Oliver stellte seinen Rucksack auf den Tisch und öffnete ihn langsam. Kohlestücke rollten auf die Platte und zogen eine schwarze Spur hinter sich.
Der Gastgeber nahm ein Stück in seine Hand und musterte es. „Was ist das?“
„Kohle. Damit haben wir unseren Generator angetrieben. Außerdem kann man damit Feuer machen.“
„Hmm… interessant. Das wird euch aber auch nicht helfen. Die Menschen hinter der Mauer haben alles im Überfluss, diese Klumpen sind für sie nichts wert.“
„Mein Bruder hat gesagt, dass die Ratten solche Sachen brauchen, um von ihren Anführen unabhängig zu werden. Angeblich sind die Menschen dort Sklaven, die für ihre Herrscher arbeiten.“
„Davon habe ich noch nie gehört. Ich würde es an eurer Stelle nicht riskieren. Den Menschen hinter der Mauer kann man nicht trauen. Sie haben sich von uns abgeschottet und lassen uns hier draußen verrecken. Wir sind in ihren Augen Wertlos, wir sind in ihren Augen nicht einmal Menschen. Sie werden euch die Kohle abnehmen und euch umbringen.“
„Wir können nicht einfach zusehen wie unser Kind in unseren Armen verdurstet oder verhungert… das würde ich nicht ertragen, lieber sterbe ich“, sagte Eva. Sie war den Tränen nahe.
„Das plagt mich auch“, sagte die Frau. „Jeden Tag fürchte ich um meine zwei Kleinen. Ich verstehe eure Entscheidung.“
Es trat wieder Schweigen ein, auch der Wind hatte sich beruhigt. Silvio gab die Jagd auf Beutetiere auf und legte sich mit ausgestreckten Gliedmaßen auf den Boden.
„Wieso stehen hier weit und breit keine Gebäude? Tagelang marschierten wir über leere Flächen, wo einst Menschen gelebt hatten. Hin und wieder trafen wir auf Ruinen und Müll aber sonst… nichts“, sagte Oliver.
„Mein Vater erzählte mir, dass die Städler alle Gebäude zerstörten, um ihre Mauer daraus zu bauen. Nur wenige Ruinen sind übriggeblieben. Wir haben Glück. Hier gibt es weit und breit kein stabileres Haus als unseres.“
„Warum seid ihr alleine hier?“
„Hier lebten zwei Siedlungen nebeneinander. Ungefähr dreißig Leute. Nun… wird glaubten stärker als die anderen zu sein und überfielen sie. Nur ein paar überlebten. Die Meisten schlossen sich anderen Siedlungen nahe der Mauer an. Wir blieben hier. Wir wollten nichts mehr mit Kämpfen zu tun haben.“
„Verstehe“, sagte Oliver.
Er ging zum Fenster und blickte in die Ferne. „Wie weit ist es bis zu Mauer?“
„Wenn ihr schnell geht, trefft ihr nach einem Tag auf eine Siedlung, von dort aus könnt ihr die Mauer schon sehen.“
„Wir suchen eine Siedlung namens Boul Hill. Kennst du sie?“
„Nein, fragt in der Siedlung danach, jemand kennt den Ort bestimmt.“
Eva räumte die Kohle wieder in den Rucksack ein und wischte ihre schwarz gefärbten Handflächen an ihrer Kleidung ab.
Der Gastgeber wandte sich zu Oliver. „Ich muss euch um einen Gefallen bitten. Wir gaben euch Wasser und ein Dach über dem Kopf. Als Gegenleistung müsst ihr uns helfen unseren neuen Brunnen zu graben. Wir sind noch weit davon entfernt auf Wasser zu stoßen und unsere Reserven reichen nur mehr wenige Tage. Wir brauchen eure Hilfe.“
Kurz nachdem Oliver zustimmend genickt hatte, verließen die Erwachsenen das Haus, wohingegen Silvio weiter am Holzboden döste.
Die Nacht brach ein und die Kälte vertrieb die Hitze innerhalb einer Stunde. Der Mond schien auf das einsame Gebäude, während aus den Fenstern das Licht von Flammen strahlte. Alle hatten sich vor dem Kamin versammelt, der mit der Kohle befeuert wurde. Die Hitze streichelte Silvio’s Gesicht, während die Kälte über seinen Rücken kroch. Das Knistern wiegte ihn in den Schlaf. Er kämpfte gegen die Schwere seiner Augenlider an, denn er wollte die Mischung, aus Wärme und Kälte, etwas länger genießen.
Die einheimische Frau hatte ihre Kinder in ihre Arme geschlossen und seufzte. „Wir hatten schon so lange kein Feuer mehr.“ Mit geschlossenen Augen wippte sie hin und her. „Jeden Winter müssen wir einen Teil unseres Hauses zerstören und verbrennen, um nachts nicht zu erfrieren. Bald bleibt uns nur mehr der Boden. Eines Tages werden wir auf dem eisigen Grund sitzen, in den leeren Kamin blicken und langsam von der beißenden Kälte gefressen werden.“
Sie gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn und wischte sich eine Träne von der Wange.
„Wir werden euch etwas von unserer Kohle hierlassen, für die Gastfreundschaft“, sagte Oliver.
Silvio’s Augen fielen zu. Kurz bevor der Schlaf ihn übermannte, quietschten die Scharniere der Eingangstür.
„Silvio, komm kurz mit mir“, flüsterte seine Mutter.
Er rappelte sich auf. Alle anderen schliefen und das Feuer war nur mehr eine Glut. Mit schwermütigen Schritten schleppte er sich in die Nacht hinaus, wo Mond und Sterne seine müden Augen blendeten. Eva kniete mit gesenktem Kopf und wartete auf ihren Sohn. Während er näher zu ihr ging, entdeckte er, dass in ihrer Hand etwas schimmerte.
„Das ist für dich.“
Sie hing ihm eine Kette aus schwarzem Leder um den Hals, an dem ein silberner Brocken baumelte.
„Das ist Silber. Ich will, dass du es immer trägst. Es wird dir Glück bringen.“ Eva berührte Silvio an seiner Wange und blickte ihm tief in seine Augen. „Wenn wir in der Stadt sind, dann darfst du niemandem sagen wer du bist und woher du kommst. Das ist wichtig. Versprich es mir.“
„Ich verspreche es.“ Sein Murmeln war nur schwer zu verstehen.
„Gut, dann lass uns wieder rein gehen und uns ausruhen, wir haben einen langen Tag vor uns.“
Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich von ihren Gastgebern. Sie bekamen als Dank eine Flasche voller Wasser mit auf die Reise. Sie kamen schnell voran, denn so ausgeruht waren sie schon lange nicht mehr. Unterwegs kamen sie öfter an Ruinen und Kunststoffmüll vorbei. Gebäude deren Wände und Dächer eingestürzt waren, zeichneten die Landschaft. Müllsäcke und Planen waren über manche Dächer gespannt, um Schutz vor Sonne und Regen zu bieten, doch Menschen waren nirgends zu sehen. Silvio entdeckte ein menschliches Skelett, dass unter Plastik begraben war und dessen Schädel zerschmettert war. Er zuckte zusammen und klammerte sich an Eva fest. Manche Ruinen waren voller Knochen und in einigen verwesten Leichen. Es folgte ein Feld, das mit Knochen übersäht, war. Silvio wandte den Blick ab und zog seinen Kragen über sein Gesicht. Der Wind ließ kleine Sandwirbel tanzen.
Eva drückte Silvio an sich. „Hier muss der Kampf stattgefunden haben.“
Oliver rümpfte seine Nase. „Die Verstorbenen werden hier nicht bestattet, sondern einfach weggeschmissen, wie Objekte.“
„Lass und schnell von hier verschwinden.“ Eva trieb Silvio voran.
Der blaue Horizont färbte sich grau, erstreckte sich hoch in den Himmel und zog sich weiter als das Auge reichte.
„Die Mauer!“, sagte Oliver. „Wir sind bald da.“
Bevor ihre Augen, Gesichter vernehmen konnten, dröhnte der Lärm eines Stimmengewirrs in ihren Ohren. Sie kamen an einem Ort, an dem viele Ruinen standen, zwischen denen Zelte aufgebaut waren. Auf den Wegen waren Stände aufgebaut, bei denen gehandelt wurde. Es wimmelte nur so von Menschen. So viele hatte Silvio noch nie auf einmal gesehen. Er war völlig überfordert und klammerte sich am Arm seiner Mutter fest. Der Gestank von Schweiß, Urin und Kot erfüllte die Luft. Silvio’s Magen drehte sich um. Ein Würgereiz quälte ihn, doch in seinem Bauch gab es nichts was er hätte erbrechen können. Die Leute trugen schäbige Kleidung, die zerrissen und verdreckt war. Ihre Körper waren voller Schmutz und strahlten den Geruch von Armut aus. Auf den Wegen drängten sich die Menschen rücksichtslos aneinander vorbei, stießen sich und beschimpften sich. An den Straßenrändern lagen vertrocknete Körper mit leblosen Blicken, von denen manche atmeten.
Eva beobachtete alles und zog ihren Sohn näher zu sich. „Jetzt verstehe ich warum die Familie so einsam in einer Einöde lebt.“
Der Boden war bedeckt von Kunststoff, Glassplitter und Trümmern von Gebäuden. In einer Gasse schlugen zwei Männer erbittert aufeinander ein, bis einer von ihnen reglos am Boden lag und von Blut überströmt war. Alle gingen daran vorbei, als hätten sie es gar nicht gesehen.
„Warum machen die das? Warum sind sie so böse?“, fragte Silvio.
„Sie sind verzweifelt und kämpfen ums Überleben“, sagte Eva.
Je weiter sie in die Siedlung eindrangen, desto enger wurde es. Aus Trümmern und Müll erbaute Gebäude, standen Wand an Wand und drohten bei der kleinsten Krafteinwirkung einzustürzen. Nach einer Weile kamen sie auf einen Marktplatz auf dem gebrüllt, gestritten und lautstark verhandelt wurde.
„Ich gebe dir doch keine Wasserflasche für ein paar schimmlige Kartoffeln!“
„Du hast mich betrogen! Die Schuhe sind nach zwei Stunden auseinandergefallen! Ich will meine Decke zurück! Sofort!“
„Selber schuld! Du hättest dir die Schuhe vorher besser anschauen müssen! Bei mir gibt es keine Rückgabe!“
Eva und Silvio warteten in einer Ecke, während Oliver versuchte sich zu einem Handelsstand durchzukämpfen. Er musste seine Ellenbogen ausfahren und die Leute mit Gewalt zu Seite stoßen, um weiterzukommen. Sie blieben ihm nichts schuldig und so wurde er gestoßen, geschupft und einmal bekam er sogar einen Schlag in den Rücken ab. Silvio sah, wie sein Vater von der Menschenmenge verschluckt wurde. Lärm dröhnte in Silvio’s Ohren. Nachdem die Menschenmenge Oliver wieder ausgespuckt hatte, marschierten sie gleich weiter. Mit dem Rücken, dem Sonnenuntergang zu gewandt, gingen sie an der Mauer entlang und näherten sich dem gewaltigen Bauwerk immer ein bisschen. Während sie eine Pause machten, lies Silvio seinen Kopf in den Nacken fallen und seinen Blick über das graue Konstrukt schweifen. Er entdeckte Kameras, die alles überwachten und wie die Augen eines Riesen auf ihn hinabstarrten. Fliegende Geräte schwirrten durch die Luft und kamen Silvio teilweise bedrohlich nahe. Obwohl sie sich in der Nacht eng aneinander kuschelten, froren sie. Silvio vermisste das Haus, in dem sie übernachtet hatten. Seine Haare stellten sich auf und sein ganzer Körper zitterte. Seine Zähne klapperten, aber dennoch schlief er ein.
Auf dem Weg nach Boul Hill kamen sie an drei weiteren Siedlungen vorbei, die sich voneinander kaum unterschieden. Alles, was man in diesen Siedlungen sah, hörte, fühlte oder roch zeugte von Leid und Elend. Die Niederlassung Boul Hill war nur in einem Aspekt anders – sie lag auf einem Hügel der direkt an der Mauer grenzte. Sie kamen am Abend bei der Anhöhe an. Die Wege waren beinahe leer. Nur vereinzelnd streiften Menschen zwischen den Ruinen herum. Einige lagen am Boden, unter freien Himmel, wobei schwer zu sagen war, welche von ihnen lebten. Sie trafen auf einen Mann, der versuchte sein Haus zu reparieren. Er stapelte lose Steine übereinander. Sein Bauwerk brach zusammen, als das Gewicht die unteren Bausteine auseinander drückte und zum wegrutschten zwang.
Sein Kopf lief rot an und er warf seine Fäuste durch die Luft. „Verdammt! Nicht schon wieder! Das kann nicht wahr sein!“
Oliver stand in seiner Nähe und musterte ihn.
„Was gaffst du so? Ha? Verschwinde!“ Seine krächzende Stimme schmerzte in den Ohren.
„Ich habe nur eine Frage.“
„Dann frag schon! Verschwende nicht meine Zeit! Ich bin beschäftigt, wie du siehst!“
„Wo finden wir Fergus Bull?“
Auf dem Gesicht des Mannes bildete sich plötzlich ein Grinsen und er begann in hohen Tönen zu kichern. Lächelnd zeigte er auf die Mauer, die in der Finsternis kaum erkennbar war.
„Ihr wollt also da rüber? Da seid ihr genau zu dem Richtigen gekommen. Folgt mir.“
Er winkte sie zu sich und schlenderte mit ungewöhnlichen Bewegungen davon. Bei jedem Schritt bewegte er seinen ganzen Körper auf und ab, dass es so aussah als stiege er über unsichtbare Stufen. Zögerlich nahm Oliver die Verfolgung auf und Eva blieb mit Silvio dicht hinter ihm.
„Ihr seid schon die vierte Gruppe diese Woche. Das Geschäft boomt zurzeit richtig! Fergus meint, das wäre nicht gut, aber ich finde es toll.“ Der Mann redete vor sich hin, mit einer merkwürdigen Stimmlage.
Er hatte einen gekrümmten Rücken, eine lange Hakennase und war am Kopf an einigen Stellen kahl. Sie marschierten immer weiter den Hügel hinunter, während der buckelige Mann vor sich hinplapperte.
„Ach… die Mauer, die Mauer, die Mauer. Ich war schon einmal dort. In der Stadt. Unglaublich! Aber mein Steinhaufen ist mir lieber. Dort ist alles so gigantisch… ich verstehe nicht was ihr dort wollt.“
„Überleben“, sagte Oliver.
„Haha! Überleben! Da solltet ihr besser hier draußen bleiben.“
„Warum? Hier draußen gibt es nichts als Leid aber in der Stadt gibt es alles im Überfluss.“
„Ihr werdet es verstehen, wenn ihr dort seid.“
Der Bucklige stieg in eine Grube hinunter, die voll mit Kunststoffmüll und Knochen war. An einer gewissen Stelle begann er den Abfall aus dem Weg zu räumen. Dadurch legte er eine Tür frei. Er drückte dagegen. Die Tür kippte nach innen um und schlug mit einem Knall auf. Die Hakennase deutete auf die pechschwarze Pforte, die er geöffnet hatte. „Hereinspaziert, meine Lieben.“
Oliver blickte ihn fordernd an. „Du gehst voraus.“
„Nein, nein, nein. Weiter begleite ich euch nicht! Ich habe ein Haus zu reparieren.“
„Wir kennen den Weg nicht, du musst uns führen“, sagte Oliver.
„Es ist ganz einfach… immer nur der Nase nach. Ihr könnt euch nicht verlaufen.“
„Es ist stockdunkel, dort drinnen sehe ich nicht einmal die Hand vor den Augen. Wir brauchen Licht.“
„Musst du etwa deine Nase sehen, um zu wissen, wo sie ist?“ Hakennase kicherte.
„Nein, aber ich vertraue dir nicht.“
Der Bucklige fasste sich an die Brust und schüttelte seinen Kopf. Vereinzelnd lösten sich Haare von seinem Schädel und glitten zu Boden.
„Das bricht mir das Herz. Wir sind gemeinsam durch die finstere gefährliche Nacht geschritten aber dennoch behandelt ihr mich wie einen Fremden. Ich habe euch geführt und euch den Weg in eure Zukunft gezeigt und als Dank werde ich beleidigt.“
„Was erzählst du da für einen Schwachsinn?“, fragte Oliver. „Hältst du mich für dumm?“
„Nein, nicht dumm. Nur gemein, undankbar und kaltherzig.“
„Mir reicht es! Zeig uns den Weg oder verschwinde!“
„Wie Ihr wünscht, eure Majestät.“
Hakennase verneigte sich tief und machte den ersten Schritt in den Tunnel. Nachdem er im Dunklen verschwunden war, stieg die Familie über die Müllberge, hinunter in die Grube.
„I-ich will da nicht rein.“ Silvio’s Stimme zitterte.
„Wir dürfen diesem Verrückten nicht glauben. Wir sollten bis morgen warten und jemand anderes fragen“, sagte Eva.
Oliver blickte über die umgefallene Tür hinweg, hinter der eine Mauer aus Finsternis hervorragte.
Die krächzende Stimme von Hakennase hallte durch den Tunnel. „Kommt jetzt, bevor ich meine Meinung ändere.“
„Ich gehe rein“, sagte Oliver. „Ihr könnt hier draußen warten, wenn ihr wollt.“
Eva verschränkte ihre Arme und schüttelte ihren Kopf. „Nein, wir trennen uns nicht. Egal was passiert, wir bleiben zusammen.“
„Dann kommt mit.“
Aus der Finsternis ertönte eine Stimme, wobei die Worte schon fast melodisch klangen. „Ich warte!“
Oliver trat in die Pforte ein und Eva folgte ihm zögerlich, während sie Silvio vor sich herschob.
Sie flüsterte zu ihrem Sohn. „Alles wird gut. Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin bei dir.“
Eva konnte durch den schmalen und niedrigen Tunnel aufrecht gehen, aber Oliver musste den Kopf einziehen. Die Schritte hallten von den Wänden wider, dass es sich so anhörte, als kämen von allen Richtungen Menschen auf sie zu. Silvio spürte, wie seine Beine ihn weiter nach vorne bewegten aber seine Augen redeten ihm ein, dass er stillstand. Die Finsternis fühlte sich zäh an, wie Wasser, das jede Bewegung bremste. Er hatte das Gefühl, dass das Schwarz seine Kehle zuschnürte und ihn zu ersticken versuchte. Von der Decke rieselte Erde auf sie herab. Die Stahlstangen, die den bröseligen Tunnel stützten, schienen zu zittern.
„Gleich sind wir da“, sagte Eva. „Immer weiter, dann sind wir gleich da. Nur noch ein paar Schritte.“
Das Kreischen von Scharnieren schmerzte in den Ohren, doch dem Lärm folgte ein befreiender Lichtschein. Die Umklammerung der Dunkelheit löste sich von Silvio und die erdrosselnde Angst ließ ihn wieder durchatmen.
„Willkommen in der Zukunft“, sagte der Buckelige.
Vor ihnen breitete sich ein großer heller Raum aus, dessen weiße Wände blendend wirkten. Die Tapeten waren Kunststofffolien, die über die Wände gespannt waren und im Lichtschein schimmerten. Um einen Tisch hatte sich eine Handvoll Männer versammelt. Der Raum war ansonsten leer. Die Personen bildeten einen Kontrast zu ihrer Umgebung, denn sie waren alle komplett schwarz gekleidet. Ein dunkelhäutiger Mann mit einem bulligen Kopf und einem massiven Körperbau, erhob sich von seinem Stuhl. Er verzog seine Mine. Seine Nasenflügeln blähten sich auf, wie die eines Stiers.
„Jimmy! Was machen diese Leute hier?“ Seine Stimme dröhnte durch den Raum.
„Sie wollen hinter die Mauer, also habe ich sie zu dir gebracht.“
„Ich habe dir doch erklärt, dass wir die Operation abbrechen und uns einen neuen Standort suchen. Das Risiko ist zu groß geworden!“
„Aber ihr seid ja noch hier, also könnt ihr ihnen helfen.“
„Nein! Die Überwachungs-KIs sind uns auf den Fersen. Wir haben die Basis schon abgebaut und morgen verschütten wir die Tunnel.“
„Wir haben einen Rucksack voller Kohle!“, sagte Oliver. „Ihr bekommt alles, aber bitte helft uns!“
Der Stier kam näher zu Oliver und ragte über ihn, wie eine Mauer. „Es tut mir leid aber wir können euch nicht helfen.“
„Mein Bruder hat mir versprochen, dass ein Mann namens Fergus Bull uns in die Stadt bringt. Dort sollen wir in ein Lager gebracht werden, wo er uns dann abholt“, sagte Eva.
Fergus wandte sich zu ihr und Silvio versteckte sich hinter ihrem Rücken.
„Dein Bruder, wie lautet sein Name.“
„Nathan… Nathan Novak.“
Fergus schnaufte, wie ein Pferd und lächelte sanft. „Nathan, du verrückter Bastard…, wenn ich es dir nicht schuldig wäre…“
„Verrückt! Was ist mit ihm?“ Evas Gesicht hatte jegliche Farbe verloren.
„Das kannst du ihn selbst fragen, wenn wir bei ihm sind.“
„Das heißt ihr helft uns?“
„Ja, aber wir müssen schnell handeln. Helft uns alles zu verladen und die Tunnel zu verschließen, dann nehmen wir euch mit. Vielleicht können wir, dann schon bei Tageseinbruch von hier verschwinden.“
„Gut, was sollen wir machen?“, fragte Oliver.
Mit seiner kräftigen Hand zeigte Fergus auf eine Tür.
„Dahinter haben wir alle möglichen Materialien gelagert. Legt das alles in den Kofferraum des PKWs.“
„PKW?“, fragte Oliver. „Ein funktionierender?“
„Ja, er steht hinter der anderen Tür, da drüben.“ Fergus ließ seine Finger knacken. „So, los geht es! Beeilung!“
Oliver schleppte beide Rucksäcke mit Kohle zu dem PKW. Silvio folgte ihm. Das Fahrzeug mit acht Sitzen berührte fast die Wände des Tunnels. Nachdem Oliver die Rucksäcke im Kofferraum entleert hatte, eilte er zu Eva, die im Materiallager auf ihn wartete. Fergus und seine Männer rissen die Tapete von den Wänden und zerlegten die Möbel in kleine Teile, um sie im Bus verstauen zu können. Jimmy machte sich währenddessen davon. Silvio stand in der Mitte des Raumes und beobachtete, wie sich der leuchtende Raum langsam in eine düstere Höhle verwandelte. Der Junge musste zur Seite treten, als die Bodenbedeckung entfernt wurde, danach befanden seine Füße sich auf einem steinernen Untergrund. Oliver schleppte einen gefüllten Rucksack nach dem anderen vom Materiallager zum Fahrzeug, während Eva die anderen auffüllte. Es dauerte lange, bis nur mehr ein Scheinwerfer im Raum war. Dann begannen sie den Eingangstunnel mit Erde zuzuschaufeln.
„Niemand darf jemals erfahren, dass wir hier waren“, schrie Fergus.
Der Tunnel war zu klein, als das mehrere gleichzeitig darin arbeiten konnten, also mussten sie sich abwechseln. Oliver leerte Erde von seiner Schaufel in den Gang und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Hände zeichneten braune Streifen auf seine Haut. Die Luft in der Höhle wurde immer stickiger. Das Atmen wurde schwerer.
„Warum müssen wir den ganzen Tunnel verstopfen? Es würde doch reichen nur den Eingang zu versperren“, sagte Eva.
„Der Eingang ist in einer Müllgrube. Es ist sehr wahrscheinlich, dass irgendwann die Grube weiter ausgebaut wird, und dann würden sie den Tunnel entdecken“, sagte Fergus.
Oliver gab seine Schaufel an einen von Fergus Männern weiter. „Warum müssen wir alles per Hand machen? Ich dachte in der Stadt gibt es Maschinen, die das können.“
„Die Maschinen gibt es aber wir haben sie nicht, also müssen wir das auf altmodische Art lösen.“
„Habt ihr den ganzen Tunnel, ohne Geräte ausgehoben?“
„Ja und es hat eine halbe Ewigkeit gedauert.“
Der Gang war nach ein paar Stunden harter Arbeit verschwunden.
„Wir sind fertig!“, sagte Fergus. „Steigt in den Wagen, wir fahren in die Stadt.“
Eva und Silvio setzten sich in die letzte Reihe des Fahrzeuges und Oliver nahm vor ihnen neben Fergus Platz. Die Schiebetüren wurden zugeknallt, der Motor gestartet und der Bus in Bewegung versetzt. Silvio schaute sich um, betastete die Ledersitze und betrachtete sein Spiegelbild in der Fensterscheibe.
Eva legte ihren Arm um seine Schulter und lächelte zufrieden. „Ich kann es kaum glauben. Endlich verlassen wir diese Hölle. Endlich können wir leben, ohne jeden Tag den Tod fürchten zu müssen. Endlich haben wir eine Zukunft.“
„Das was euch erwartet ist kein Paradies, sondern nur eine andere Art von Hölle“, sagte Fergus.
„Das glaube ich nicht. Alles wird besser werden.“
„Du glaubst es nicht, du willst es glauben.“
„Viel schlimmer kann es doch gar nicht werden“, sagte Oliver.
Der PKW fuhr durch eine Mulde, die alle Fahrgäste durchschüttelte. Das Dach schlug gegen die Tunneldecke und es krachte erneut.
„Hey! Pass auf und fahr langsamer!“, schrie Fergus.
Die Reifen scharrten über den unebenen Untergrund und erzeugten ein Rauschen. Das Geräusch erinnerte Silvio an das Meer aus seiner Heimat. Er blickte in die Scheibe und sah große Wellen, die an der steinigen Küste barsten.
Die Zeit verflog, bis Fergus wieder seine Stimme erhob. „Wir sind da.“
Der eintönige Anblick des Tunnels, wich einer großen Halle, in der sich Erd- und Steinhaufen türmten. Durch die Dachfenster des Gebäudes schien der Sonnenaufgang mit rotem Glanz auf die künstlich erzeugten Berge. Der Wagen blieb stehen und alle atmeten erleichtert durch. Eva strahlte über ihr ganzes Gesicht.
Freudentränen krochen über ihre Wange.
Ihre flüsternde Stimme zitterte. „Wir haben es geschafft.“
Sie nahm ihren Sohn in die Arme und gab ihn einen Kuss auf seine Wange. Aufgewirbelter Staub glänzte im Scheinwerferlicht und Stille herrschte über die Welt. Wie ein Blitz durchbrach ein Surren die Ruhe. Es wurde immer lauter. Der Lärm vervielfachte sich.
„Scheiße!“, brüllte Fergus. „Drück aufs Gas! Drück aufs Gas!“
Die Reifen drehten mit einem ohrenbetäubenden Quietschen durch. Steine wurden durch die Luft geschleudert. Rauch qualmte auf. Die Herzen rasten. Es knallte und ratterte. Schüsse wurden abgefeuert. Die Geschosse hagelten auf das Blech des Fahrzeuges ein und durchlöcherten es. Ein Reifen platzte und alle zuckten zusammen. Als der Motor vernichtet wurde, hörten die Räder sich auf zu drehen. Mittlerweile war der Drohnenschwarm in Sichtweite. Silvio blickte in das von Angst zerfressene Gesicht seiner Mutter. Sein Körper bebte. Das Rattern von Gewähren ertönte, gefolgt von einem schmerzerfüllten Schrei. Blut spritzte Silvio ins Gesicht, da seine Mutter vor ihm durchlöchert wurde. Ihr Gesicht färbte sich schneeweiß und aus ihrem aufgerissenen Mund floss Blut. Sie legte sich mit letzter Kraft schützend über ihren Sohn. Die Furcht drückte Silvio die Luft aus der Lunge. Sein Körper war erstarrt und mit Blut besudelt.
Speichel spannte sich über Evas Lippen, die sich leicht Bewegten. „Lauf.“
Plötzlich packte ihn jemand am Kragen und riss ihn aus dem Fahrzeug. Er schlug mit dem Rücken am Beton auf und schnappte keuchend nach Luft. Fergus riss ihn auf die Beine. „Renn so schnell du kannst und schau nicht zurück!“
Er stieß Silvio von sich weg.
„Lauf!“
Silvio konnte das alles nicht verarbeiten. Er realisierte nicht was passierte, aber dennoch trugen seine Beine ihn fort. Fergus lenkte die Drohnen in eine andere Richtung, während Silvio hinter einen Erdhügel rannte. Es folgte ein Hügel nach dem anderen, bis er endlich an einer Wand ankam. Über ihm ragte ein Fenster. Er musste auf den daneben liegenden Erdhaufen klettern, um es zu öffnen. Seine Finger klammerten sich um den Rahmen, während einer seiner Füße halt suchte. Nachdem er die Erklimmung endlich gemeistert hatte, verlor er sein Gleichgewicht und fiel aus der Halle hinaus. Ohne zu zögern, rappelte er sich auf und rannte weiter, mit dem Blick am Boden geheftet. Erst als er außer Atem war und vor Erschöpfung auf die Knie fiel, bemerkte er, wo er war. Er ließ seinen Blick schweifen. Tränen sprudelten aus seinen Augen. Um ihn herum war alles voller bunter Lichter. Riesige Häuser wuchsen in Richtung Himmel. Fahrzeuge und Menschen umschwirrten ihn. Seine Tränen vermischten sich mit Blut und Schweiß an seinem Kinn und tropften auf den Asphalt. Jegliche Kraft verließ ihn. Er brach zusammen. Silvio lag mit dem Gesicht zu Boden und das Silber an seiner Kette drückte gegen sein Herz.
Prolog - Die Schlacht von Navir
(Second Draft!)
Die Schritte des Königs hallten durch den Thronsaal. Er rannte im Kreis und knabberte an seinen Fingernägeln. Aus seinem Nagelbett tropfte Blut. Ein metallisches Aroma erfüllte seinen Mund und vermischte sich mit dem Geruch seiner eigenen Angst.
„Wo bleibt er?“, fragte Otis. „Er müsste schon längst hier sein.“ Er rückte seine Krone zurecht, die schief auf seinen schwarzen Haaren thronte. Sein roter Umhang schliff am Boden entlang und sein weißes Hemd war voller Schweißflecken.
„Wo bleibt er?“ Seine Stimme war hoch und er begann immer schneller zu reden, wobei er die halben Wörter verschluckte. „Wo bleibt er? Wo bleibt er? Wo bleibt er?“
Die Türen zum Thronsaal öffneten sich quietschend und es trat ein Mann ein, dessen Gesicht schrumpelig und eingefallen war. Mit zitternden Händen strich er sein grau-weißes Haar aus seinem Gesicht, das ihm bis zu den Schultern hing. Sein Bart kräuselte sich, wie Gestrüpp bis zu seiner Brust.
Otis blieb abrupt stehen, blickte auf und nahm seine Finger aus dem Mund. „Ist er da?“
„Ja, eure Majestät. Der Bote ist gerade zurückgekehrt.“ Die Stimme des Mannes war ein Scharben von Stahl über Stein.
„Bring ihn her! Schnell!“
Der Bote trat ein und seine Schuhe hinterließen eine Schlammspur. Erde bedeckte seine Kleidung und er sah aus, als hätte er Morast geweint.
Er kniete sich nieder und senkte den Kopf. „Ich bin so schnell geritten, wie ich nur konnte. Das Pferd…“
„Ja, ja, ja, ja“, sagte der König. „Das interessiert mich nicht. Atme tief durch und erzähle mir was du gesehen hast.“
Der Bote zog einen Ast aus seinen zerzausten Haaren. „Sie sind unterwegs nach Navir, eure Majestät.“
„Wer? Wessen Banner hast du gesehen?“
„Alle… White, Titus, Falk, Reed… alle, auch die kleinen Lords.“ Sein Kehlkopf bewegte sich auf und ab.
Otis warf seine Hände durch die Luft. „Wie weit sind sie entfernt? Wann werden sie hier sein? Wie viel Zeit bleibt uns noch?“
„Sie werden höchstens drei Tage brauchen, vielleicht sind sie schon in zwei Tagen hier.“
Otis fing wieder an, an seinen Fingernägeln zu kauen. Sein Magen zog sich zusammen und begann zu kribbeln.
„Geh, Bote! Kyron, komm zu mir!“
Der Bote stand auf und hinterließ eine Lache aus Schlamm. Der weißhaarige Mann eilte zum König.
„Können wir gewinnen?“, fragte Otis.
Kyron schüttelte seinen Kopf, wobei sein Nacken knackte. „Nein, eure Majestät. Ihre Streitmacht ist zu groß. Sie werden uns einfach überrennen.“
Otis ballte seine Fäuste. „Wir müssen doch etwas tun können. Kannst du uns nicht mit einen deiner Zauber schützten?“
„Magie ist kein Kriegswerkzeug, sie kann keine Armee aufhalten.“
„Was sollen wir sonst machen? Wir können nicht einfach hier rumsitzen und auf den Tod warten!“
„Da habt Ihr vollkommen recht. Wir sollten die Flucht ergreifen.“
„Und wohin sollen wir flüchten? Wir sind nirgends sicher. Sie haben ganz Ark erobert!“ Er stampfte auf den Boden.
„Es gibt einen Ort, an den sie uns nicht verfolgen werden.“
Otis erschauderte und riss seine Augen weit auf. „Du meinst doch wohl nicht…“
„Doch, eure Majestät, wir müssen ins tote Land flüchten. Dort gibt es Ruinen, in denen wir uns niederlassen können. Niemand wird es wagen uns zu verfolgen.“
„Das müssen sie auch nicht! Wir werden dort von ganz allein sterben!“
Kyron faltete seine Hände. „Mir ist das Risiko bewusst, aber es ist unsere einzige Hoffnung. Wir werden dort eine Siedlung errichten. Mit etwas Glück überleben genug von uns und wir können wieder an Stärke gewinnen. Eines Tages werden wir Ark zurückerobern.“
„Das ist sehr optimistisch und ich bin kein Optimist. Besonders nicht in solchen Zeiten.“ Er schloss seine Augen einen Atemzug lang, dann nickte er. „Aber es ist unsere einzige Hoffnung. Kyron, ruf den Rat und die Adeligen. Ich werde meine Entscheidung verkünden. Sammelt die Bewohner von Navir zusammen und bereitet alles für die Abreise vor. Es muss alles schnell gehen. Wir haben nicht mehr viel Zeit.“
Das vollständige Kapitel folgt demnächst!